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Das regenerative Zeitalter beginnt jetzt - Acht Thesen zur Energiewende

Thesenpapier zur Energiewende
Dr. Ralf Krumpholz, Dezernent für Umwelt, Klimaschutz, Gesundheit und Verbraucherschutz

Einleitung

Dr. Ralf Krumpholz, Dezernent für Umwelt, Klimaschutz, Gesundheit und Verbraucherschutz

In einer Zeit, in der ein Präsident des Landes, das bisher am stärksten zur Klimaerwärmung beigetragen hat, internationale Klimaschutzabkommen kurzerhand aufkündigt, in der manche den Ausstieg aus der Kohleverstromung auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben wollen, in der ein eigenes Klimaschutzgesetz als Investitionshindernis gilt, scheint die Zukunft der Energiewende unübersichtlich geworden zu sein. Offenbar ist in den derzeitigen ereignisreichen politischen Zeitläufen so etwas wie ein Kompass in Sachen Klimaschutz verloren gegangen, herrscht vielmehr weit verbreitet Unsicherheit. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass nichts den Menschen in ihrem Handeln, dass nichts der Wirtschaft eines Landes mehr schadet als eine wachsende Unklarheit über zukünftige Entwicklungen. Dies gilt natürlich auch für die Energiewende und den Klimaschutz. Daher sollte man sich von den momentanen Negativschlagzeilen nicht verwirren lassen, sondern versuchen, die allgemeinen großen Entwicklungslinien zu sehen und die grobe Richtung zu erkennen, in die die Energiewende voranschreiten wird. Dazu möchte ich in acht Thesen einen Beitrag leisten:

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1. Das fossile Zeitalter wird in den nächsten Dekaden beendet.

Ein Leugnen des menschengemachten Klimawandels lässt sich nicht auf Dauer durchhalten. Statt Rückzugsgefechte zu führen, gilt es, sich jetzt auf das regenerative Zeitalter einzustellen und vorzubereiten. Eine rechtzeitige Anpassungsstrategie an die neuen Herausforderungen verhindert kostenträchtige Fehlinvestitionen und ist Garant für einen nachhaltigen Erfolg. Deshalb lohnt es sich auch nicht, heute darüber zu streiten, ob die Kohleverstromung in Deutschland nun 2030 oder 2035 oder gar erst 2040 endet. Entscheidend ist vielmehr, dass sie in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten Geschichte sein wird und sich bereits jetzt auf diesen Wandel einzustellen. Allein so lässt sich dieser uns bevorstehende Wandel auch sozialverträglich für die Menschen gestalten, ohne gleichzeitig die Zukunftschancen zu verschlafen.

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2. Neben unserem Strombezug für den Haushalt werden auch unsere Mobilität und die Wärmeversorgung in absehbarer Zukunft emissionsfrei sein.

Der Streit um das Ende der Kohleverstromung, um steigende Strompreise durch EEG-Umlage und Netzentgelte verstellt den Blick dafür, dass durch Strom nur ein Teil unseres Energiebedarfs gedeckt wird - 2015 in Deutschland nur etwa 21%, gegenüber 29% durch Kraftstoff und 25% durch Gas. Die Energie zum Beispiel für Mobilität (zu ca. 94%) und für Raumwärme (zu gut 73%) wird größtenteils über fossile Energieträger bereitgestellt. Bei der Raumwärme entfallen neben den fossilen Energieträgern auf die Fernwärme knapp 10% und auf erneuerbare Energien fast 15%. Eine eindimensionale Betrachtungsweise wird aber den Herausforderungen der Energiewende nicht gerecht. Es reicht nicht aus, nur in einem Bereich unsere CO2-Emissionen zu senken und andere Bereiche außen vor zu lassen. Letztlich geht es um eine Gesamtbilanz und die notwendigen Entscheidungen für die Zukunft müssen die Vielschichtigkeit des Themas im Blick haben. Es ist nicht sinnvoll, durch einseitige Diskussionen einen Tunnelblick auf die Entwicklungen beim Strommarkt zu erzeugen. Es müssen vielmehr auch die Anstrengungen für eine Energiewende im Mobilitätssektor und im Wohnbereich verstärkt werden.

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3. Die Dynamik in der Entwicklung der erneuerbaren Energien darf nicht ausgebremst werden.

Die Geschichte der erneuerbaren Energien in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Ihr Anteil am Bruttostromverbrauch ist von 6% im Jahr 2000 auf fast 32% im Jahr 2016 gestiegen. Dies war nur möglich durch eine entsprechende Förderung. Und richtigerweise ist nun ein Wettbewerb mit Ausschreibungen zur Förderhöhe etabliert worden, um die Energiewende bezahlbar zu halten. Doch das neue Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) von 2017 bremst auch die Dynamik der Entwicklung aus. Vor dem Hintergrund jedoch, dass nicht nur unser Verbrauch von elektrischer Energie, sondern generell unser gesamter Energieverbrauch in einem überschaubaren Zeitraum durch regenerative Energieträger gedeckt werden muss, sollte es keine jährlich feststehende Obergrenze für den Ausbau erneuerbarer Energien wie Wind- und Solarenergie geben. Es sollte vielmehr eine Obergrenze der Förderung geben und dem Markt überlassen werden, dass mit dieser festgelegten finanziellen Unterstützung ein Höchstmaß an erneuerbaren Energieträger bereitgestellt wird.

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4. Erforderliche fossile Brückentechnologien und notwendige Kapazitätsreserven müssen zum Klimaschutz beitragen; sie müssen offen sein für eine Umrüstung auf regenerative Energieträger.

Die Notwendigkeit zur Nutzung fossiler Brückentechnologien und zur Bereitstellung von Kapazitätsreserven darf nicht im Widerspruch zu den Anstrengungen für mehr Klimaschutz stehen. Die Nutzung überschüssiger regenerativer Energien durch Speicherung bzw. Energieumwandlung (Batterien, Wasserkraft, Power-to-Gas, Power-to-Heat) für diese Zwecke muss Vorrang haben vor fossilen Alternativen, sofern es wirtschaftlich vertretbar ist. CO2-ärmere Energieträger wie Erdgas zum Beispiel sind gegenüber Energieträgern wie Steinkohle oder gar Braunkohle zu bevorzugen. Insbesondere dürfen durch fossile Brückentechnologien und Kapazitätsreserven nicht regenerative Entwicklungspfade auf Jahre oder Jahrzehnte blockiert bzw. verhindert werden. Es muss eine Offenheit geben, dass entsprechende fossil betriebene Systeme entweder kurzfristig ohne große wirtschaftliche Verluste abgeschaltet oder mit regenerativen Energieträgern - sobald sie zur Verfügung stehen - betrieben werden können.

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5. Es gibt einen bezahlbaren, marktwirtschaftlichen Weg ins regenerative Zeitalter.

Auch wenn das EEG in Deutschland auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken kann, dürfen die aktuellen Probleme nicht übersehen werden. Die Energiewende beim Strom wird fast ausschließlich von einem Teil der Stromkunden finanziert. Die Förderung der erneuerbaren Energien und der damit größtenteils verbundene Stromüberschuss auf dem Markt hat in der Vergangenheit zu sinkenden Stromhandelspreisen geführt, ohne dass dies - das sei hier nebenbei bemerkt - zu sinkenden Preisen für die Kunden geführt hätte. Der Logik des alten EEG folgend hat dies aber ein entsprechendes Steigen der Umlage verursacht. Nachvollziehbar ist allerdings die Herausnahme von energieintensiven Unternehmen, die der Konkurrenz des Weltmarktes unterliegen, denn es kann nicht im Sinne des Klimaschutzes sein, dass entsprechende Produkte in Ländern unter Bedingungen hergestellt werden, die letztlich eine sehr viel stärkere Belastung des Weltklimas darstellen. In Zukunft ist die Energiewende daher stärker von denjenigen zu finanzieren, die am meisten zum Klimawandel beitragen. Die Forcierung der Energiewende muss also weniger über die Subventionierung der erneuerbaren Energien, sondern mehr über die stärkere Besteuerung der fossilen Energieträger erfolgen, um die notwendigen Mittel für die Energiewende in allen Bereichen zu erwirtschaften.

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6. Angesichts der Belastung der Luft mit Schadstoffen in den Städten liegt die Zukunft des Verkehrs in der E-Mobilität.

Spätestens der Diesel-Abgasskandal hat deutlich gemacht, dass der Abschied vom fossilen Zeitalter auch im Verkehrsbereich auf der Tagesordnung steht. Da für Mobilität fast 30% unserer Energie verbraucht wird - die hier zu etwa 94% aus fossilen Quellen stammt -, liegt in diesem Sektor ein großes Potenzial für den Klimaschutz. Und die notwendigen Technologien dafür liegen bereits größtenteils vor. Selbst wenn in den Städten der ÖPNV optimal ausgebaut wäre und beste Bedingungen für den Radverkehr herrschten, wird der motorisierte Individualverkehr auch in Zukunft eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Daher führt nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern insbesondere auch - angesichts der Belastung der Luft mit Schadstoffen - aus Gründen des Schutzes der Gesundheit der Bewohner*innen an der Umsetzung der E-Mobilität kein Weg vorbei. Die derzeitigen Probleme (höherer Anschaffungspreis, dünne Ladeinfrastruktur, geringe Reichweite) können bei stärkerer Marktdurchdringung relativ zügig gelöst werden. Die Automobilindustrie darf meines Erachtens nicht den Fehler der (großen) Stromenergieversorger wiederholen und zukunftsträchtige Entwicklungen verschlafen. Dies könnte sich am Ende als teurer erweisen, als jetzt rechtzeitig in die Technologien von morgen zu investieren. Die Politik sollte auch im Verkehrsbereich für entsprechende Rahmenbedingungen sorgen - wie mit dem EEG auf dem Strommarkt - und nicht vor den Beharrungskräften und Lobbyisten einknicken.

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7. Duisburg als Großstadt, als Industrie- und Logistikstandort, als größter Stahlstandort Europas und größter Binnenhafen der Welt steht vor besonderen Herausforderungen auf dem Weg zur postfossilen Ära.

Die Bundesrepublik Deutschland ist für etwa 2,2% der Treibhausgasemissionen in der Welt verantwortlich. Der Anteil NRW's an den deutschen Treibhausgasemissionen beträgt dabei ca. ein Drittel, der Anteil Duisburgs an denen in NRW rund ein Achtel. Die Energiewende in Deutschland entscheidet sich daher zu einem großen Teil in den industriellen Ballungsräumen in Nordrhein-Westfalen. Ansätze zur Reduzierung des prozessbedingten CO2-Ausstoßes in der Stahlindustrie (Carbon2Chem) bilden deshalb ein wichtiges Projekt der Energiewende in Duisburg. Die Zukunft der Industrieproduktion in Deutschland liegt in solchen Schlüsseltechnologien. Von ähnlicher Bedeutung für die Klimabilanz ist der Duisburger Hafen. Auch der wachsende Logistikmarkt wird seine Treibhausgasemissionen reduzieren müssen, wenn die Energiewende gelingen soll. Die Versorgung von Binnenschiffen, Terminalfahrzeugen, Loks und LKW's mit LNG (flüssigem Erdgas) ist ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zu einer emissionsfreien Logistik in Duisburg. Langfristig wird der Standort Duisburg im Wettbewerb in seiner heutigen Ausprägung nur bestehen, wenn die Unternehmen in der Stadt nachhaltig wirtschaften. Ohne einen substantiellen Beitrag zur Energiewende in Deutschland wird der Stahlstandort Duisburg, wird die Erfolgsstory des Duisburger Hafens schon bald Geschichte sein.

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8. Als Haushaltssicherungskommune kann sich Duisburg keine kostenintensiven Prestigeprojekte leisten; es gilt, einen finanzierbaren Weg der Energiewende zu beschreiten.

Duisburg als Haushaltssicherungskommune verfügt nicht über die notwendigen finanziellen Mittel, um beispielsweise den ÖPNV stärker auszubauen und die Busse der DVG von heute auf morgen durch E-Busse zu ersetzen. Pilotprojekte haben ihre Berechtigung bei der Erprobung neuer Technologien; Prestigeprojekte können sinnvoll sein, indem sie Vorbildcharakter haben. Sie bedürfen aber einer Förderung von außen, damit sie auch wirtschaftlich tragbar sind. Die Stadt Duisburg wird daher ihren Beitrag zur Energiewende verstärkt da zu leisten haben, wo es sich auch wirtschaftlich für sie rechnet, etwa bei der energetischen Sanierung von Gebäuden, die sich in absehbaren Zeiträumen auch amortisiert. Dies ist jedoch kein Manko, denn der Abschied vom fossilen Zeitalter wird nicht durch Pilot- oder Prestigeprojekte herbeigeführt, sondern hängt davon ab, ob entsprechende Technologien massentauglich sind. In einer Stadt, in der vielen Menschen nur über geringe Einkommen verfügen, ist dieser letztgenannte Punkt von besonderer Bedeutung. In Duisburg wird z.B. der motorisierte Individualverkehr nicht so bald elektrisch sein. Erdgasautos sind aber bereits heute genauso wirtschaftlich wie PKW's mit Dieselmotoren und wesentlich umweltfreundlicher im Hinblick auf die Emissionen von Kohlendioxid, Stickoxid, Schwefeldioxid und Fein-staub. Gleiches gilt im Übrigen auch für Gebäudesanierungen angesichts eines hohen Bestands an Mietwohnungen. Wir müssen hier zu relevanten Einsparungen von Energie kommen, aber die Mieten inklusive der Nebenkosten müssen auch bezahlbar bleiben.

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Dr. Ralf Krumpholz
Dezernent für Umwelt, Klimaschutz, Gesundheit und Verbraucherschutz der Stadt Duisburg

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